FreundeskreisTalk mit Yordan Kamdzhalov im Kammermusiksaal der Stadthalle

 06.10.2012

Physik ist seine zweite Leidenschaft (RNZ 19.10.2012) Von Birgit Sommer

Freundeskreis

Wieder hat Heidelberg einen ganz ungewöhnlichen Generalmusikdirektor bekommen. Der Bulgare Yordan Kamdzhalov, gerade 32 Jahre alt geworden, nahm einen außerordentlichen Berufsweg, zeigt eine verblüffende Reife und offenbart überraschende Interessen. Der Freundeskreis des Theaters lernte bei einem Gespräch Kamdzhalovs mit Operndirektor Heribert Germeshausen im Kammermusiksaal der Stadthalle jedenfalls eine Menge über den jungen Mann und dreifachen Vater, für den Lernen das Größte ist und der bereits eine eigene Stiftung zur Förderung junger Künstler in Bulgarien gegründet hat. Es war ein musikalisches Haus in der Nähe von Varna, in dem Yordan Kamdzhalov aufwuchs: „Drei Zimmer, drei Klaviere.“ Der Vater war Schauspieldirektor, die Mutter gab Klavierunterricht und leitete Chöre, auch die Schwester wurde schließlich Musikerin. „Klavier war und ist meine große Liebe“, sagt der junge Dirigent, auch wenn er zugibt: „Ich habe als Pianist niemals das Niveau erreicht, das ich erreichen wollte.“ Als Naturwissenschaftler wäre er ebenfalls glücklich geworden, meint er. Doch schon der Teenager wünschte sich Tausende Zuhörer – „und das gibt es nur in der Kunst“. Heidelberg ermöglicht ihm nun auch, dieser zweiten Leidenschaft nachzugehen. Kamdzhalov beginnt hier ein Studium der Astrophysik und der Physik. Mathematik- und Physikaufgaben waren schon für den Jugendlichen eine entspannende Vorbereitung auf die Musik, als er Tag und Nacht Klavier übte und erste Kompositionen schrieb. Wer kann das schon von sich sagen? Für sich selbst übersetzt er musikalische Strukturen in Geometrie und Zahlen. „Ich beschäftige mich mit diesem Raum; dann habe ich die absolute Sicherheit, dass ich den Dirigier-Prozess steuern kann“, bedeutet das für ihn. Das unglaublich strukturelle Gedächtnis ist auch der Grund dafür, dass er seit 2006 die Partitur im Konzertsaal weglegt und auswendig dirigiert. So baut er Energie, Spannung und Kontakt zum Orchester auf. Vor den Orchestermusikern scheint er großen Respekt zu haben: „Jeder im Orchester ist ein Künstler und hat seine eigene Kraft.“ Er schätzt die kollektive Intelligenz der Orchestermusiker; sie könnten zu 95 Prozent ohne den Dirigenten spielen. „Die restlichen fünf Prozent sind es, die Individualität und Differenzierung bringen.“ Dass ein Dirigent als Magier zuerst die Musiker und dann die Zuhörer verzaubert – „das ist das Schönste, was passieren kann.“ „Dirigieren ist nicht schwer“, sagt Kamdzhalov auch und meint die Technik. Aber es bedürfe extremer Vorbereitung und Intuition und des Vertrauens vonseiten des Orchesters: „Dirigieren ist Kommunikation.“ Kamdzhalov stand vor 54 Orchestern, seit er sein Studium zuerst in Sofia begann und später in Berlin fortsetzte. Er versuchte, von den größten Dirigenten wie Barenboim, Rattle, Muti oder Maazel zu lernen, statt den normalen Weg über Korrepetitorenstellen und Dirigenten-Stellvertreter in Opernhäusern zu gehen. Er wurde beispielsweise 2009 für die International Conductors’ Academy in London ausgewählt. Zu seinem Weg gehören Selbstbewusstsein und Risikobereitschaft. „Ich riskiere sehr gerne etwas“, lächelt der junge Dirigent, „das finde ich wichtig im Leben.“ Ob ihn „wild gewordene, junge Opernregisseure“ schrecken könnten, wollte Heribert Germeshausen noch wissen. „Mich kann überhaupt nichts schockieren“, war die Antwort. Auch Kritiker nicht. Auf eine entsprechende Frage aus dem Freundeskreis wusste Kamdzhalov eine geradezu salomonische Antwort. Einerseits: „Kritik interessiert mich nicht. Ich weiß ganz genau, warum etwas funktioniert und warum nicht, und bin ganz wach für alles, was nicht perfekt ist.“ Andererseits: „Jede Kritik hat Aspekte von Wahrheit, und ich lerne immer sehr gern. Leben heißt Entwicklung.“Drei Zimmer, drei Klaviere.

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