Freundeskreistalk mit Janine Linning

 06.03.2013
Freundeskreis

Am 26. Februar trafen sich die Freundeskreismitglieder zum Talk mit der Leiterin Dance Company Janine Linning. Über sechzig Mitglieder konnten einen sehr lebendigen Talkabend erleben. Von Birgit Sommer Nanine Linning sucht manchmal noch nach dem richtigen deutschen Ausdruck. „Ich bin ein Gesamtkunstwerk- ...“, sagt die Holländerin. „... -Liebhaber“, schiebt sie zwar gleich nach, aber das Publikum aus dem Freundeskreis des Theaters amüsiert sich im Alten Theatersaal schon köstlich. Natürlich ist die Heidelberger Tanztheater-Chefin selbst ein Gesamtkunstwerk. Wie sie aussieht! Elegant in Schwarz-Weiß, die Haare zum fransigen Dutt aufgesteckt, an den Füßen knalliges Orangerot. Schuhe sind ihre kleine Leidenschaft, sie besitzt eine Menge raffinierter Exemplare. Ihre große Leidenschaft, die Choreografie, betreibt sie täglich bis in die Nachtstunden. Von Heidelberg hat sie also noch nicht viel gesehen. Dafür kennt sie nur begeisterte Zuschauer im Theater und freut sich, dass sie als Niederländerin von den Deutschen „ins Herz geschlossen“ wird. Nanine Linning gefällt natürlich auch die Region, in der sich eine Menge tut in Sachen Tanz und in der es viele interessante Veranstaltungen und Museen gibt. „Ich fühle mich künstlerisch nicht isoliert“, sagt sie – anders als in ihrer Zeit ab 2009 als Tanztheaterchefin in Osnabrück.


Sie hatte vorher als freie Künstlerin in Holland gearbeitet, und das erste Jahr an einem deutschen Stadttheater, an das Intendant Holger Schultze sie geholt hatte, fiel ihr schwer. Die Abstimmung mit allen anderen im Haus, was Räume, Zeit („Feierabend!“) oder Abbau von Dekorationen betrifft – da musste sich Nanine Linning erst hineinfinden, wie sie im Gespräch mit dem Tanzdramaturgen Phillip Koban bekannte. Sie sprach damals noch kein Wort Deutsch. Doch schnell entdeckte sie auch die Vorteile des Theaters: Sie konnte mit Chor und Orchester arbeiten. „Wenn man damit spielen kann, wird die Welt offen.“ Was beispielsweise entstand, war ihr „Requiem“, das schon 20 000 Menschen in Deutschland und Holland gesehen haben. „Reif für den Broadway“, strahlt sie, und es klingt so gar nicht abwegig. Seit drei Jahren, sagt Nanine Linning, habe sie dieses Angebot schon. Wer ihre Stücke gesehen hat, weiß, dass die „Tanz-Unternehmerin“ etwas ganz Besonderes bietet mit allen Sparten der Kunst. Sie hat das Talent, Leute am Anfang der Karriere als Mitstreiter zu entdecken, seien es die Bildhauer „Les Deux Garçons“ für „Requiem“ oder die avantgardistische Modedesignerin Iris van Herpen für die Produktion „Zero“. Alle sind zu Freunden geworden; bezahlen könnte sie diese längst nicht mehr. Was der 35-Jährigen als ideale Kunstform vorschwebt, ist in Theatern gar nicht immer zu verwirklichen. Ihre Fantasie lässt nichts aus, nicht einmal Köche, die während des Stücks Häppchen werfen. Solange ihre Arbeit Kunst bleibt und nicht zum oberflächlichen Entertainment wird, ist für sie alles möglich. Film, TV-Werbung, Hoteldesign. Sie hat Lust auf getanzte Modenschauen. Und sie will sehen, was passiert, wenn Tanz und Text eines Schauspiels zusammenkommen. Eine neue Kostprobe ihres Könnens werden die Heidelberger im nächsten Jahr sehen, wenn sie Opernregie führen und Oper und Tanz verschmelzen wird. Osnabrück kennt das schon, mit Puccinis „Madama Butterfly“. Ihre zehn Tänzer, alle noch keine 25 Jahre alt, folgen der Choreografin zu den Grenzen der Darstellungskunst. Kein Wunder: „Du musst dich in deine Tänzer ein bisschen verlieben, sonst kannst du nicht arbeiten“, beschreibt Nanine Linning das Zusammengehörigkeitsgefühl, das Voraussetzung für ihren Erfolg ist. „Ich kann von 20 Metern Entfernung sehen, wie es jemandem geht“, sagt sie, „man teilt alles, man braucht ein wahnsinniges Team.“ Erst Millionen Details formten die Magie, die im Tanztheater entstehe. Also macht es die Chefin ihren Tänzern oft so schwer wie möglich, um sie zu Höchstleistungen zu treiben. Für die Darstellung siamesischer Zwillinge hat sie einmal jeweils zwei Tänzer täglich acht Stunden lang zusammengebunden. „Am Ende war es eine tolle Erfahrung.“ Der ganze Körper der Tänzer hatte das Handicap verinnerlicht. „Ich arbeite so, um Tiefe zu bekommen.“ All ihre Erfahrung, sagt sie, stecke in den Körpern ihrer Tänzer: „Deshalb sind die auch so wertvoll.“ Und deshalb koste es auch super viel Zeit, einen neuen Tänzer in die Gruppe zu integrieren. Am 9. März um 10 Uhr lädt Nanine Linning wieder zur „Tanzvisite“. Wer sich rechtzeitig dazu beim Theater anmeldet (tanz@theater.heidelberg.de), kann ihren Tänzern beim Aufwärmtraining oder der anschließenden Probe zuschauen. Auch wenn Nanine Linning, Tochter eines Amsterdamer Architekten, seit ihrem vierten Lebensjahr tanzt, hat sie nie als Tänzerin gearbeitet. Schon als Jugendliche wusste sie, dass sie künstlerisch eigenständig arbeiten wollte: „Ich bin die Person, die kreiert“. Nach ihrer Ausbildung an der Rotterdamer Tanzakademie assistierte sie William Forsythe und Dana Caspersen bei deren Tanzfilm „From a Classical Position“. „Ich habe sogar Forsythes Socken gewaschen, ich war total begeistert, egal, was er gesagt hat, was ich tun soll“, bekennt die Choreografin. Fünf Jahre habe es dann gedauert, ehe sie Forsythe wieder aus ihrer DNA gekriegt habe, sagt sie. „Ich hatte Angst, dass ich kopiere wie alle anderen aus der Gruppe. Sie sind alle ein bisschen Forsythe.“ Sie selbst arbeitet thematisch, ohne festen Stil. Die nächste Produktion „Voice over“ – dafür entwarf sie auch die Kostüme – wird also ganz anders sein als das, was Heidelberg von Linning kennt. Und ihre Eltern werden am 20. April sicher wieder zur Premiere aus Amsterdam anreisen und Tulpen auf die Bühne werfen. Wie sie mit Kritik umgehe, wollte eine Zuhörerin von der Holländerin noch wissen. „Ich habe mittlerweile eine dicke Haut“, meinte die 35-Jährige. „Die ersten Jahre waren grauenvoll. Da konnte ich nach einer schlechten Kritik zwei Wochen lang nicht schlafen.“ Eigentlich möchte sie sich mit einem Kritiker über ihr Stück austauschen, sie will der Kritik antworten können. „Wir als Tanz-Botschafter wünschen uns ja, dass uns das Publikum versteht.“

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